Bergsport und Social Media

Ein Gipfel im Sonnenaufgang, ein ausgesetzter Grat, eine Klettersteigpassage oder ein verschneiter Bergweg: Bergsport bietet auf Social Media spektakuläre Bilder. YouTube macht es heute möglich, Touren praktisch vom Sofa aus mitzuerleben.

Auch ma-hiken zeigt diese Faszination. Ich möchte Touren zeigen, Erlebnisse teilen und Lust auf die Berge machen.

Aber zwischen einem YouTube-Video und einer eigenen Bergtour liegt ein entscheidender Unterschied:

Was im Video funktioniert, muss für mich selbst noch lange nicht funktionieren.

Und genau hier beginnt die Eigenverantwortung – meine, aber auch die des Zuschauers.

Ein YouTube-Video ist keine Tourenempfehlung

Wer ein Bergsportvideo anschaut, sieht eine konkrete Tour unter ganz bestimmten Bedingungen – mit einem bestimmten Menschen, einer bestimmten Erfahrung, einer bestimmten Ausrüstung und einem bestimmten Wetter.

Diese Voraussetzungen lassen sich nicht einfach auf die eigene Situation übertragen.

Wenn ich beispielsweise einen Klettersteig begehe und dabei eine schwierige Passage problemlos meistere, sagt das zunächst einmal nur etwas über meine Tour aus. Es bedeutet nicht automatisch, dass diese Passage für jeden Zuschauer genauso machbar ist.

Deshalb sollte ein Video niemals als Freigabe verstanden werden:

„Wenn er das geschafft hat, kann ich das auch.“

Die richtige Frage lautet vielmehr:

„Was bedeutet das Gesehene für meine eigenen Fähigkeiten und Voraussetzungen?“

Der Zuschauer muss zwischen Bildern und Realität unterscheiden

Social Media ist zwangsläufig selektiv.

Eine Kamera zeigt den Weg, aber nicht die gesamte körperliche Belastung. Sie zeigt eine Passage, aber nicht unbedingt deren Konsequenzen bei einem Fehler. Sie zeigt Sonnenschein, obwohl wenige Stunden später ein Gewitter aufziehen kann.

Auch Schnitt und Perspektive verändern die Wahrnehmung.

Das ist zunächst keine Täuschung, sondern das Wesen eines Mediums.

Die Verantwortung liegt deshalb auch beim Konsumenten, das Gesehene kritisch einzuordnen.

Wer eine Tour aufgrund eines YouTube-Videos plant, sollte sich nicht allein auf dieses Video verlassen.

Die eigene Tour beginnt nicht mit dem Klick auf „Play“

Wer eine im Video gesehene Tour selbst gehen möchte, sollte sich die notwendigen Informationen aus mehreren Quellen beschaffen.

Dazu gehören beispielsweise:

  • aktuelle Wetter- und Verhältnisinformationen
  • Karten und aktuelle Routeninformationen
  • Informationen zu Sperrungen oder Wegzuständen
  • Schwierigkeit und Länge der Route
  • Höhenmeter und Gehzeit
  • erforderliche Ausrüstung
  • eigene Kondition und Erfahrung
  • aktuelle alpine Gefahren

Gerade bei anspruchsvolleren Touren reicht es nicht aus, eine Route einmal auf YouTube gesehen zu haben.

Die Verantwortung für die eigene Tour kann kein YouTuber übernehmen.

Bedingungen verändern eine Tour

Ein häufiger Fehler bei der Nutzung von Social Media ist die Annahme, eine Route habe eine feste Schwierigkeit.

Hat sie nicht.

Ein Bergweg kann bei trockenen Bedingungen völlig unkompliziert sein und bei Nässe rutschig werden. Schnee kann aus einem einfachen Wanderweg eine anspruchsvolle Unternehmung machen. Vereisung kann aus einer harmlosen Passage eine gefährliche Stelle machen.

Auch die Jahreszeit spielt eine entscheidende Rolle.

Wer ein Sommer-Video von einer Route sieht und diese Tour im Winter nachgehen möchte, darf nicht davon ausgehen, dass es sich um dieselbe Unternehmung handelt.

Das Video zeigt eine Situation – nicht die zukünftigen Bedingungen.

Auch die eigene Tagesform zählt

Eigenverantwortung bedeutet nicht nur, die Route zu kennen.

Man muss auch sich selbst kennen.

Wie fit bin ich heute?

Habe ich ausreichend Erfahrung für das Gelände?

Wie gehe ich mit ausgesetzten Stellen um?

Kann ich die notwendige Ausrüstung sicher bedienen?

Wie viel Zeitreserve habe ich?

Und vielleicht die wichtigste Frage:

Was mache ich, wenn die Realität anders aussieht als im Video?

Wer diese Fragen vor der Tour beantwortet, übernimmt Verantwortung für die eigene Entscheidung.

„Ich habe es im Video gesehen“ ist kein Sicherheitskonzept

Gerade bei Ausrüstung kann Social Media einen falschen Eindruck vermitteln.

Ein Klettersteigset, Steigeisen oder ein GPS-Gerät sind keine Eintrittskarte in schwieriges Gelände.

Ausrüstung kann nur dann helfen, wenn sie zur Situation passt und richtig eingesetzt wird.

Das gilt bereits bei einfachen Dingen. Ein Erste-Hilfe-Set hilft nicht viel, wenn man nicht weiß, was man damit machen soll. Ein Wanderstock unterstützt nur, wenn man ihn richtig verwendet.

Ausrüstung ersetzt weder Erfahrung noch Ausbildung noch eine realistische Selbsteinschätzung.

Auch hier sollte der Zuschauer nicht nur fragen:

„Was benutzt der im Video?“

Sondern:

„Kann ich damit umgehen – und brauche ich es unter meinen Bedingungen überhaupt?“

Verantwortung bedeutet auch, Nein zu sagen

Die vielleicht wichtigste Fähigkeit beim Bergsport ist nicht das Weitergehen.

Es ist das Erkennen des Moments, in dem man nicht weitergehen sollte.

Wenn das Wetter kippt, die Zeit davonläuft, die Kräfte nachlassen oder die Bedingungen schwieriger sind als erwartet, muss die Entscheidung neu bewertet werden.

Und diese Entscheidung darf völlig anders ausfallen als im YouTube-Video.

Ein anderer ist oben angekommen. Das verpflichtet mich zu gar nichts.

Das ist ein zentraler Gedanke der Eigenverantwortung.

Auch wenn eine Route auf Social Media hundertfach gezeigt wurde, bleibt es meine Entscheidung, ob ich sie heute, unter diesen Bedingungen und mit meinen Fähigkeiten gehen kann.

Welche Verantwortung hat dann ma-hiken?

Natürlich bedeutet Eigenverantwortung des Zuschauers nicht, dass Content Creator keine Verantwortung haben.

Auch bei ma-hiken sollte ich Touren möglichst realistisch beschreiben, besondere Schwierigkeiten benennen und keine falschen Sicherheitsversprechen machen.

Aber ich kann dem Zuschauer die Entscheidung nicht abnehmen.

Ich kann zeigen, wie ich eine Tour erlebt habe.

Ich kann erklären, welche Ausrüstung ich verwendet habe, welche Schwierigkeiten mir begegnet sind und welche Erfahrungen ich gemacht habe.

Aber daraus muss jeder seine eigenen Schlüsse ziehen.

Das ist für mich ein wichtiger Unterschied:

Ich zeige meine Tour. Der Zuschauer entscheidet über seine.

Social Media als Informationsquelle – nicht als Ersatz für Eigenverantwortung

Genau darin liegt meiner Meinung nach die richtige Rolle von Social Media im Bergsport.

YouTube kann unglaublich hilfreich sein. Man bekommt einen Eindruck von einer Route, sieht Gelände, Passagen und Landschaften und kann Erfahrungen anderer Bergsteiger kennenlernen.

Aber ein Video kann niemals die eigene Vorbereitung ersetzen.

Es kann nicht das Wetter am eigenen Tourentag vorhersagen. Es kennt nicht die eigene Kondition. Es weiß nicht, wie viel Erfahrung man besitzt. Und es kann keine Entscheidung am Berg treffen.

Social Media kann informieren und inspirieren. Die Verantwortung bleibt beim Menschen, der den Berg tatsächlich betritt.

Deshalb sollte man Bergsportvideos nicht nur konsumieren, sondern kritisch betrachten.

Nicht:

„Kann ich das genauso machen?“

Sondern:

„Was kann ich aus diesem Video lernen – und was muss ich selbst noch prüfen?“

Das ist vielleicht die wichtigste Form von Eigenverantwortung beim Bergsport im Zeitalter von YouTube.

Denn am Ende ist es nicht die Kamera, die auf dem Berg steht.

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